Spitzel mit Babyphone
erschienen in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung"
am 07.06.2009
Niemand ist vor Ausspionierungen sicher. Ob Vorstand oder Mitarbeiter. Die Konzerne scheuen keine Mittel.
von Christian Siedenbiedel und Nadine Oberhuber
So richtig aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht. Aber er erregt Wendelin Wiedeking noch immer. Anderthalb Jahre ist es her, dass ein Babyphone in der Hotelsuite des Porsche-Chefs gefunden wurde - versteckt hinter einem Sofa. Obwohl seit Ewigkeiten keine Familie mit Kindern mehr in der Nobelsuite übernachtet hatte. Dafür tobte der Übernahmekampf um VW. Dort sollte tags darauf eine wichtige Aufsichtsratssitzung stattfinden. Der Verdacht lag nahe, dass Wiedeking bespitzelt werden sollte.
Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen irgendwann ein. Schließlich gab es keine Fingerabdrücke auf dem Babyphone. Und Herstellerbezeichnung sowie Seriennummer hatte der Täter abgekratzt. An einen Spaß eines Hotelbeschäftigten, wie zwischenzeitlich spekuliert worden war, will man bei Porsche nicht glauben, denn: "Wir haben das Gerät nur durch Zufall überhaupt entdeckt."
Was damals wie ein skurriler Einzelfall wirkte, war der Anfang einer Reihe von Spitzel-Skandalen. Aus immer mehr Firmen sickert durch, wie spioniert, ausgespäht und überwacht wird. Ziel sind viele Personengruppen: Die Telekom ließ Journalisten und Aufsichtsräte bespitzeln, um undichte Stellen zu finden. Die Bahn scannte die E-Mails von Mitarbeitern, ließ auch deren Konten prüfen und Ehepartner von Detektiven überwachen. Bei der Deutschen Bank soll sogar ein Vorstandsmitglied von der Konzernsicherheit ausspioniert worden sein: IT-Chef Hermann-Josef Lamberti.
Die Zahl der Skandale ist erstaunlich. Und sie ist wohl nur die Spitze eines Eisberges. "Da passiert viel mehr, als die meisten Außenstehenden sich vorstellen können", sagt ein Manager eines Dax-Unternehmens. In vielen Firmen ist der große Lauschangriff längst Alltag: Chefs lassen ihre Wettbewerber ausspähen oder ihre Konkurrenten im eigenen Haus und ihre Mitarbeiter. Denn Firmenchefs merken, dass sie eine Gefahr systematisch unterschätzt haben: "Eigene Mitarbeiter sind das größte Risiko: 60 bis 70 Prozent des Datenabflusses aus Unternehmen passieren durch die eigenen Mitarbeiter", sagt Christian Schaaf, Geschäftsführer des Sicherheitsanbieters Corporate Trust.
Die Spitzel Deutschlands Vorstände sind im Spitzelfieber. Sie wollen die Verräter im eigenen Haus dingfest machen. Der typische kriminelle Mitarbeiter sieht laut Studien so aus: Er ist älter als 30, länger als sechs Jahre in der Firma, gut situiert, gebildet und überwiegend männlich. Weil das auf einen Großteil der Mitarbeiter zutrifft, greifen Chefs gleich zur Rasterfahndung. Und eine ganze Branche lebt prächtig davon: Für Detektive und Informationsbeschaffungsagenturen sind Firmen längst zum wichtigsten Auftraggeber geworden. 1526 Detekteien mit rund 3300 Beschäftigten zählt das Statistische Bundesamt. Sie erwirtschaften eine Viertelmilliarde Euro Umsatz. Die Hälfte davon durch Aufträge aus der Wirtschaft, Tendenz steigend.
Die besten Spitzel sind anscheinend Ex-Mitarbeiter der Nachrichtendienste. Noch immer gibt es bei deutschen Detekteien viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Auch Ex-Mitarbeiter vom Bundeskriminalamt und den Geheimdiensten BND und MAD, die teils schon mit 51 in den Ruhestand wechseln können, finden sich bei Detektivfirmen und "verdienen da ein Vielfaches ihres früheren Einkommens", verraten Insider. Das Durchschnittshonorar liegt laut Detektivverband bei 56 Euro pro Stunde, Experten für Abhörtechniken schaffen ein Vielfaches.
Ihre Spezialausrüstung Technisch wird das Bespitzeln immer leichter. Die Geräte sind so klein geworden, dass sie in jede Anzughosentasche passen. "Vor 20 Jahren gab es nur drei, vier Geschäfte, in denen man teure, schlechte Wanzen kaufen konnte", sagt Jochen Meismann, Juniorchef der Detektei Condor, die auf "Lauschabwehr" spezialisiert ist. Heute bekommt man Wanzen so groß wie ein Stecknadelkopf für 20 Euro übers Internet oder in Elektronikshops. Genau wie Minisender, Mikrofone und Videosender, die so klein sind, dass sie sogar in den Kopf einer Kreuzschraube passen.
All das spüren Sicherheitsanbieter oft in Firmen auf. "Drei Millionen Wanzen sind in Deutschland im Privatbesitz", sagt Schaaf. Und sie lassen sich im Handumdrehen überall einbauen: in Stempel oder Wanduhren, Taschenrechner, Aufkleber, sogar in Münzen. Viele werden auch per Werbegeschenk verteilt, in Feuerzeug und Kugelschreiber. Ein gängiger Trick der Angreifer ist es, so erzählt Schaaf, eine Wanze in der Thermoskanne oder Mehrfachsteckdose in den Konferenzraum einzuschleusen.
Hersteller bieten auch Telefonhörer für alle gängigen Telefonanlagen an, in denen schon Wanzen stecken. "So ein Hörer lässt sich in fünf Sekunden austauschen, weil die heute ja nur noch durch Steckverbindungen befestigt sind", sagt Meismann. Das können jede Putzfrau und jeder Mitarbeiter.
Die Allerweltstechnik Die Spitzelei ufert auch deshalb aus, weil Alltagsgeräte sie erleichtern. "Nichts ist einfacher, als ein Handy oder Laptop abzuhören", weiß Schaaf. Alles, was funkt, kann mit einer einfachen Antenne "ausgelesen" werden. Die ist so klein, dass sie in einen Trolley passt - der sogar durch den ICE rollen kann. Und sie reicht so weit, dass Angreifer 100 Meter entfernt sitzen und trotzdem einen Bildschirm auf ihren Computer "spiegeln" können. Bluetooth-Geräte, Kopfhörer, sogar jedes Kabel, das an einem PC hängt, wirkt wie eine Antenne und kann ausgelesen werden, warnt Sicherheitsexperte Schaaf.
Wem Informationen viel wert sind, der kann für 100 000 Euro einen "Imsi-Catcher" kaufen - ein Gerät, mit dem man sich zwischen zwei Handys schalten und alle Gespräche abhören kann, verrät Detektiv Meismann. Das wird nicht nur von staatlichen Nachrichtendiensten gemacht.
Es geht aber noch viel einfacher: In die Telefone in Besprechungsräumen können sich Angreifer auch von außen unbemerkt einwählen. Die gängigsten Modelle haben eine Mithörfunktion. Auch Handys haben einen Technikkanal, auf den sich Experten von außen einwählen können. Telefonfirmen nutzen das regulär, wenn sie neue Software auf die Geräte der Kunden aufspielen wollen. Einmal eingeklinkt, fungiert das Handy so als modernes Babyphone. "Es gibt zwar nur wenige Techniker, die das beherrschen, aber es funktioniert selbst, wenn das Handy ausgeschaltet ist. Bisher wurde das immer abgestritten", sagt Schaaf.
Mittlerweile liefern sich die Hersteller von Wanzen und die von Wanzen-Suchgeräten einen regelrechten Wettlauf. "Minispionfinder" gibt es für 99 Euro, "Verrauscher" gegen die Abhörantennen für 600 Euro. Profis untersuchen Räume, die abhörsicher seien müssen, mit Röntgengeräten und Halbleiterdetektoren. Sicherheit aber bietet all das nicht. Wiedekings Sicherheitsleute checkten sogar vor seinem Einzug die Hotelsuite. Das "Babyphone" orteten sie aber nicht. Vielleicht war die Technik einfach zu simpel.
Quelle: "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" am 07.06.2009